Gedankenvögel
Pinselstrich trifft auf das Weiße der Leinwand. Blau wird zur Heimat meiner Gedanken und mir wachsen Schwingen, die mir Lieder singen von fremden Welten. Fremde Welten? Sind sie eigentlich nicht, denn jene Welten kommen ja aus meinem Ideensammelsurium, welches ich auf den Schultern trage. Es ist bloß immer die Frage, wie man diese Gedankenvögel fliegen lässt. Ich lernte schnell, dass Worte, Bilder, ja Kunst im Allgemeinen diese Gedankenvögel in die Welt lassen. Aber ohne Input keinen Output. Ohne Wissen keine Basis, kein Wissen ohne Lernen und ohne das alles keine Gedankenvögel.
Jetzt sitzen wir Menschen zu Hause und füttern unser Gehirn mit Reels und TikTok-Filmchen und vergessen die Zeit. Ich vergesse mich lieber über Büchern. Die brauchen Zeit zum Lesen, Aufmerksamkeit. Ich las irgendwo, Bücher zu lesen sei zur Arbeit geworden. Für mich ist es immer noch Genuss. Tiefsinniger Genuss zum Denken, weil der Autor sich im besten Falle in seinen Keller zurückgezogen und einen Teil seiner Lebenszeit fürs Gedankenvögel-Gebären aufgewandt hat. Nicht falsch verstehen: Manche Filmchen sind auch echte Gedankenvögel, mit viel Liebe und Zeit geboren, aber kommen diese dann richtig im Zielgedankenreich an, bevor ein neues auf unsere Netzhaut geflogen kommt?
Wir müssen wieder lernen, Dinge richtig zu würdigen und zu verarbeiten. Nachzudenken. Vielleicht habe ich Zeit dazu in meinem Rollstuhl, wie beim Meditieren. Menschen sollen innehalten. Ich kann nur starr und steif innehalten. Körperlich. Der Geist fliegt.
Richard Pfund
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